Wie bereits gebloggt, war Gregor Gysi kürzlich in Marburg, was ich mir natürlich nicht hab entgehen lassen. Ich werde im Folgenden versuchen seine zentralen Thesen vorzustellen, kann aber keine Garantie auf Richtigkeit geben, da er mich teilweise inhaltlich abgehängt hat. Der Mann hat schliesslich einen Doktortitel und ich bin lediglich Student im 5. Semester. Fehler und Ungenauigkeiten bitte ich folglich zu entschuldigen.
Der demokratische Sozialismus ist noch nicht am Ende
Gysi schilderte sehr ausführlich die Ausbreitung des "neoliberalen Projekts" auf unserem Planeten. Als Beispiele für Länder, in denen das "neoliberale Projekt gescheitert sei", brachte er Lateinamerika und Kuba.
Zitat: "Vom Scheitern eines 70jährigen Systems lass ich mir nicht einreden, dass der demokratische Sozialismus gescheitert ist."
Als kleinen Spass, den er als Bestätigung seiner These sah, brachte er das Argument, dass sogar Christiansen in letzter Zeit manchmal in ihrer Sendung nach sozialer Gerechtigkeit frage.
Ökonomische Macht muss reguliert werden
Er führte länger aus, wie die Postmoderne (Entdeckung der neuen Welt, Buchdruck, etc.) entstand und wie sich daraus ein starker Prozess der Individualisierung und schliesslich Subjektivierung bildete. Die Individualisierung sieht er als Sieg für die Neoliberalen an, da sie verhindere, dass Solidarität aufkäme. Die
Aufklärung habe einen "dunklen Fleck", nämlich die Fremdbestimmtheit, also normative Maßstäbe, die nicht vom Subjekt selbst stammten. Daher sei es nötig ein Autonomieprojekt zu formulieren (siehe auch
Dialektik der Aufklärung).
Im Kapitalismus führe Kapital zur Fremdbestimmung, woraus er folgerte, dass es nötig sei ökonomische Macht zu regulieren. Die Entfremdungspotentiale müssten netraulisiert werden, was ein moderner Sozialismus ermögliche. Da, wie bereits erwähnt, es gilt Fremdbestimmtheit zu vermeiden, muss dies auf einem demokratischen Weg geschehen, auch wenn dies die Gefahr beinhaltet, dass die Demokratie den Sozialismus wieder abwählt.
Die
Sozialdemokraten hätten (spätestens, aber auch am krassesten; wohlgemerkt nur bezogen auf die deutschen Sozialdemokraten, da laut wikipedia die Sozialdemokraten in Österreich und der Schweiz den Neoliberalismus ablehnen) unter
Schröder den Neoliberalismus akzeptiert, was schliesslich auch zu einer Stärkung der Linkspartei geführt habe. Die
SPD habe sich damit endgültig entsozialdemokratisiert, weswegen die Linkpartei die soziale Gerechtigkeit wieder einfordern müsse, da sie die Basis für Sozialismus sei. Es müsse wieder die Gesellschaft, statt der Wirtschaft regieren.
Politiker fördern die Globalisierung durch Politik, die auf ökonomischen Regeln basiert
Hier nannte er die drei Stichwörter:
Liberalisierung,
Privatisierung,
Globalisierung
Er wies auf den, durch die EU verstärkten, Abbau von Zöllen und Industriestandards hin und zeigte auf, dass gerade die Privatisierung dafür sorge, dass der Staat an Macht verliere. Je mehr staatliche Institutionen (wie Krankenhäuser, die Telekom oder die Bahn) privatisiert würden, desto mehr würde die Regierung an Macht verlieren und die Wirtschaft gewinnen. Dies sei eindeutig ein Abbau von Demokratie. Der
Neoliberalismus entzieht folglich dem Staat die Macht einzugreifen.
Zitat: "Wieso muss sich ein Krankenhaus rechnen?"
Er verwies darauf, dass es sich um ein Problem des
Zeitgeistes handele, wenn man erwarte, dass Krankenhäuser Gewinne machten, statt 'einfach nur' Menschen zu helfen.
Gleichheit als Bedingung für Gerechtigkeit als Bedingung für Freiheit
Durch soeben genannte Entlastungen des Kapitals, würde eine Lücke in der Finanzierung des Staates entstehen, die heutzutage durch Kürzung von Sozial-Leistungen gefüllt werde. Dies führe zu extremen Problemen, denn dadurch würde die Gleichheit verletzt werden. Zwar ist sie in der Verfassung geschützt, dennoch gibt es keine finanzielle Gleichheit, die sogar (Kürzungen von Sozial-Leistungen) immer mehr abgebaut würde. Daraus folgerte er, dass es auch keine Rechtsgleichheit mehr gebe.
Moe kann dazu mehr erzählen...
und zu guter Letzt noch ein paar einzelne, meiner Meinung nach bemerkenswerte, Punkte:
- Kapitalisten boykotieren die Entwicklung erneuerbarer Energien und führen völkerrechtswidrige Kriege (Irak+Afghanistan), um an Ölvorräte, die heutzutage eine der wertvollsten Ressourcen sind, zu kommen. Da die Grünen den Kapitalismus nicht anzweifeln, sind sie daher im Kern auch nicht ökologisch.
- "Letzlich geschieht nur das, was die Menschen zulassen, dass es geschieht." Wo wir (also die Bevölkerung) die Macht hat, muss sie auch den Mut haben sie zu nutzen.
- "Schröder hat Dinge durchgesetzt, die sich Kohl nie getraut hätte."
- Bei einem Empfang: "Wenn ich nicht da wäre, wäre Guido Westerwelle der linkeste hier."
Kommentare
Milan schrieb:
Chris schrieb:
Die Linkspartei lehnt den Kapitalismus ab? Das wäre mir neu. Es wieder und wieder zu behaupten macht es nicht wahrer. "Ökonomische Macht muss reguliert werden" ist Popper im Wortlaut und sicher keine Kapitalismuskritik die man nicht auch noch bei Teilen der Jusos hören kann. Das ist linksliberal im besten Falle, nicht mehr.
Wer den Billiglohnsektor mit steuerfinanzierten Lohnzuschüssen stabilisieren will (Linkspartei-Wahlprogramm 2005), verkauft was die CDU seit Anfang der Neunziger ale drei Monate wieder in den Ring wirft als modernen Sozialismus.
Btw.: Mann mag vom Afghanistan-Feldzug halten, was man will (und ich ehrlich gesagt nur sehr wenig), aber die Kiste war völkerrechtskonform und da ging es sicher nicht um Öl.
Irak mag man das anders sehen (im Bezug auf Öl. Völkerrecht und Irakfeldzug haben in der Tat mal gar nix gemein), auch wenn das alleine zu kurz greift.
"Schröder hat Dinge durchgesetzt, die sich Kohl nie getraut hätte." - Absolut richtig. Agenda 2010 unter Kohl? Keine Chance, nicht mal mit ner absoluten Mehrheit. Aber wenn die "guten" Sozis das sagen, haben wir wohl in der Tat keine andere Wahl mehr. Das ist ein wenig, als wenn einen der eigene Anwalt auffordert endlich den Fakten ins Gesicht zu sehen. Schmierige Kacke das.
Beteiligung der Bundeswehr im Kosovo unter einer Regierung Stoiber/Beckstein?
Dto. mit den Worten Georg Schramms: Die Bundeswehr wäre an der Heimatfront im Straßenkampf hängen geblieben.
Der "große" Verdienst von Rot/Grün ist, dass Deutschland "endlich" wieder im Orchester kriegsführender Nationen ist. (nur zur Sicherheit, das war Ironie).
Mal nebenher, ich lehne von der Tendenz diese Kosovo Kiste nicht ab (mal abgesehen davon, dass es auch da Gewaltexzesse und grobe Fehltritte der "Friedenstruppe" gab). Das sowas aber ohne kontroverse Diskussion von statten ging kann einem schon Angst machen. Wie leicht die Bevölkerung hierzulande der Regierung wieder glaubt, es sei nötig Krieg zu führen. Wie gesagt, ich denke, es gab da Argumente. Aber keiner wollte sie hören, dass ist traurig. Und Herr Gysi bezeichnet Srebrenica als internes Problem von Serbien und des Genossen Milosevic. Da kann einem auch schlecht werden.
David schrieb:
Meines Wissens werden selbst in den Kibbuzim die Angelegenheiten der Mitglieder zunehmend privatisiert. Der demokratische Sozialismus scheint also sogar an der einzigen mir bekannten Stelle zu verschwinden, an der es ihn jemals gab.
Man kann das bedauerlich finden; letztlich ist es aber die Sache der Kibbuzniks. Sie werden ihre Gründe haben.
David schrieb:
Und da man mir jetzt wahrscheinlich vorhalten wird, daß ich "demokratischen Sozialismus" noch vor Kurzem als Contradicito in Adiecto bezeichnet habe: Das gilt auf der Ebene von Nationalstaaten. In relativ kleinen Gemeinschaften sind sozialistische Strukturen tatsächlich möglich.
jo@chim schrieb:
Der liberale Rechtsanwalt Carlos Gebauer bringt die Unterscheidung so auf den Punkt: "ich habe überhaupt nichts gegen Sozialismus - solange er für alle Beteiligten freiwillig bleibt".
Weshalb fährt er jedes Mal Lacher mit der Bemerkung ein? Genau: weil "Sozialismus" der freiwilligen Lebensgestaltung, wie die Kibbuzim, genossenschaftliche Bewegungen oder auch Siedlergemeinschaften in den USA, keiner mehr ist.
Sozialismus und Zwang gehören zusammen. Die Unterscheidung zwischen "demokratischem" Sozialismus und den Sozialismen der verschiedenen Parteien der Arbeiterklassen oder auch dem "nationalen Sozialismus" liegt insofern, imho, lediglich darin, wie dieser Zwang legitimiert werden soll(te) und wie brutal die sozialistische Macht ausgeübt wird/wurde.
David schrieb:
Die Kibbuzim sind meines Wissens ihrem Selbstverständnis nach sozialistisch. Darauf bezog ich mich in erster Linie.
Ob man Sozialismus auf freiwilliger Basis noch als Sozialismus bezeichnen kann, das ist in der Tat eine interessante Frage.
jo@chim schrieb:
jo@chim schrieb:
David schrieb:
jo@chim schrieb:
David schrieb:
jo@chim schrieb:
Ich selbst bin "Genosse" in einer Raiffeisenbank - eine sehr alte und nach wie vor erfolgreiche Unternehmensgruppe :-)
David schrieb:
Der Reihe nach: "Warum 'erklären'?"
Weil Du meintest:
"'... dann zieht man das Ding halt durch'. Schwer genug im Kapitalismus. Unmöglich im Sozialismus"
Geschrieben hatte ich:
"[...] eine gewisse Vorstellung, wie eine Gesellschaft aussehen sollte, und falls das ein paar Leute anspricht, dann zieht man das Ding halt durch"
Gemeint hatte ich damit, sich eine Gemeinschaft nach den eigenen, möglicherweise sozialistischen Vorstellungen aufzubauen, wie es die Kibbuzniks getan haben. Die haben es durchgezogen, und es hat ja auch ganz gut geklappt. Das ganze war eine Reaktion auf Deine nachgeschobene Anmerkung:
"vielleicht lagen die Kibbuzim, die Siedler und Kropotkin richtig ... und Gysi daneben?"
Was ich in meinem Vorschlag, zwischen Sozialismus als gesellschaftlicher Vorstellung und als politischer Vorstellung zu unterscheiden, zu fassen versucht hatte. Der Sozialismus der Kibbuzim wäre dann eben der gesellschaftliche, der sich nicht universell aufdrängt, sondern nur für die eigene, auf Freiwilligkeit basierende Gemeinschaft maßgeblich ist. Nach der Erklärung für dieses Phänomen fragte ich deshalb, weil Du 'das Ding durchzuziehen' als im Sozialismus unmöglich bezeichnet hattest.
Ich nehme aber an, wir haben einfach aneinander vorbeiargumentiert. Ich hatte ja auch kein durchziehen "im Sozialismus" im Sinne, sondern mehr ein durchziehen "des Sozialismus" innerhalb einer Gemeinschaft Freiwilliger.
Rainer schrieb:
ich war Ende 2006 zwei Wochen im Urlaub in Havanna. Wenn mich ein Kubaner als Deutschen outete, kam immer die Frage Allemania Democratico? Allemania Federal ?
Nach meiner Antwort Allemania Democratico kamen immer sehr viele Fragen, ob es jetzt nach 17 Jahren besser oder schlechter ist.
Ich habe viele Kubaner kennengelernt, welche nicht mehr an den kubanischen Sozialismus glauben, die sich radikale Änderungen wünschen, aber auch damit verbundene Zukunftängste haben. Die Es gibt sehr viele Läden in Havanna, wo es jetzt alle Waren gegen Peso Convertable zu kaufen gibt, die DDR-Intershops lassen grüßen. Es ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstanden, die einen haben Peso Convertable, die anderen haben ihn nicht.
Für das kubanische Volk hoffe ich, daß nach Abtreten Fidel Castro in Kuba kein Chaos ausbricht. Eine Insellösung des demokratischen Sozialismus auf Kuba gebe ich in unseren globalen Zeit keine Chance.
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