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ProtestBlog - Gegen Studiengebühren und Bildungsabbau in Hessen

filmischer Exzess in Matrix Reloaded

11.05.2005 - 22:18:19 - Mike
Ich musste gerade nochmal kurz an die Definition von David Bordwell bezüglich des Exzesses denken, über die ich ja erst kürzlich stichwortartig was schrieb.
Wenn man sich an die Techno-Höhlen-Party-Szene in Matrix Reloaded erinnert, dann wäre das ja wohl ein filmischer Exzess, oder?
Der Stil, also die sichtbaren Bilder und hörbaren Töne, muß sich dem plot anpassen, sonst hat man einen Exzess. Exzess definiert er als Situation in der die stilistischen Mittel die Überhand nehmen. Ein Exzess trägt nicht (oder zumindest sehr wenig) zur Narration bei.
(Beispiel: Farbmuster in "2001", "Kill Bill")

Die stilistischen Mittel nehmen imho in dieser Szene eindeutig die Überhand. Ich weiß nicht, wie gut Eure Erinnerungen sind, aber ich hab mir die Szene gerade nochmal angeguckt und die Art und Weise wie die feiernden Zionisten gezeigt werden, würde ich als Exzess interpretieren.
Zur Erinnerungsauffrischung: Man sieht mehrere Minuten lang wie die Bewohner von Zion in der Höhle tanzen. Auffällig sind dabei verschiedene Motive, die öfters gezeigt werden: nackte, stampfende Füsse (z.T. verlangsamt gezeigt), hochspringende Tänzer bzw. Gruppen von Tänzern, sehr eng aneinander tanzende Paare... Das Ganze ist unterlegt mit einem sehr eingängigen Rhythmus, der mich (aber ich hab keine Ahnung von Musik) sehr an die Tänze primitiver Stämme erinnert... (ist das 'tribal'??)
Dazu gibt es eine Parallelmontage, die zeigt, wie Neo und Trinity sich in Trinitys Quartier lieben, während die Musik der Party (in gleicher Lautstärke) nach wie vor zu hören ist (imho aus dem off und nicht hors-champs).
Die ganze Szene ist stark ästhetisiert und treibt die Narration nur äußerst wenig weiter. Abgesehen davon, dass Gefühle bzw. Mentalitäten vermittelt werden (die von Neo&Trinity und natürlich auch die der Gemeinschaft Zions) wird die Narration nicht vorangetrieben.
Aus meiner eigenen Erfahrung und Gesprächen mit anderen kann ich sagen, dass diese Szene von den meisten Zuschauern des Film als irritierend eingestuft wurde und eher negativ bewertet wurde.
Meiner Meinung nach trifft das Bordwells Definition von Exzess sehr gut, was meint Ihr??
(ich bin im 2. Semester, von daher bin ich mir bei all meinen schlauen Gedanken z.T. sehr unsicher...)

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Kommentare

Christian schrieb:

Ich hab die Szene nicht gesehen, aber das kann gut sein. Nur würde ich das nicht allzu negativ bewerten - Narration ist in einem Film ja längst nicht alles. Und gerade das neuere Hollywood-Kino nähert sich wieder verstärkt Formen an, wo die einzelnen ästhetischen Attraktionen ungeachtet der Relevanz für die Handlung ihres Eigenwertes wegen eingesetzt werden, wie beim Kino der Attraktionen im Jahrmarktsumfeld zu Anfang des Jahrhunderts noch. Das Pendel schwingt vom Kino der narrativen Integration wieder ein stückchenweit zum Kino der Attraktionen zurück. Das Kino der annähernd perfekten narrativen Integration wäre das klassische Hollywoodkino der 30er/40er Jahre.

Dieser Wandlugnsprozess ist eventuell auch bedingt durch Dinge wie das Medium DVD, wo man sich nicht mehr den einzelnen Film anschauen muss, sondern gezielt die 'coolen Szenen' über die Kapitelauswahl anwählen kann. Da springt man halt direkt zur Lichtershow am Ende von "2001", weil man die am besten findet. Die Bedeutung des narrativen Überbaus sinkt so langsam wieder ab, gerade auch im Wechselspiel mit neuen Medien. Du könntest deinen Interessengebieten gemäß ja mal nachforschen, was die Computerspielästhetik so für das moderne Hollywoodkino noch für Auswirkungen hat / haben wird ;-)
11.05.2005 22:39:57

Mike schrieb:

Diese momentane Entwicklung war mir gar nicht bekannt. Kannst Du da irgendwas an Literatur empfehlen?

Allerdings Deinen Einführungen bezüglich der DVD kann ich irgendwie nicht ganz zustimmen. Es stimmt zwar, dass ich jetzt in der Lage bin "gezielt die 'coolen Szenen'" anzuwählen, allerdings muss ich doch erstmal den Film min. 1x komplett anschauen, damit ich weiss, welche Szenen cool sind, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der einen Film, den er bislang noch nicht gesehen hat, erstmal per wahllos-reinspringen anfängt zu sehen.
_Nach_ dem ersten mal sehen ist das natürlich was anderes und dann kann ich Deinen Ausführungen auch zustimmen.

Die Auswirkungen auf das Hollywoodkino auf Computerspiele und andersrum zu untersuchen wäre definitiv sehr interessant. Zwei der prominenten Vertreter (beider Seiten) sind da ja eindeutig der Film "Lola rennt" und das Spiel "Max Payne". Gute Nacht.
12.05.2005 00:07:00

Christian schrieb:

Jetzt hau ich hier mit irgendwelchen Thesen um mich, ohne allzu fundiert Literaturgrundlagen dafür nennen zu können ;-)

Das entsprang größtenteils bei uns im Seminar aus Diskussionen von Texten wie "The Return of the Hollywood Studio System" von Thomas Schatz in dem Buch "Conglomerates and the Media", The New Press New York 1997 (da geht es allerdings eher um das wirtschaftliche Funktionieren des modernen Hollywood, da allerdings auch unter verstärkter Betrachtung des Aufbaus moderner Blockbuster im Zusammenhang mit anderen medialen Auswertungen, vom Merchandising in Form von Computerspielen bis zu "theme park rides", und wie das alles bei der Produktion des Films bereits mitkonzipiert wird), sowie, ganz wichtig, den Texten von Tom Gunning über das Kino der Attraktionen, als wichtige Einführung hier sehr zu empfehlen Gunnings "Das Kino der Attraktionen. Der frühe Film und die Avantgarde" in: Meteor 4/1996. In letzterem geht er zwar auch ein wenig aufs moderne Kino ein, aber prinzipiell geht es um die große Gegenüberstellung eben eines "Kinos der narrativen Integration" mit dem "Kino der Attraktionen" (und eine Revision bisheriger abwertender filmhistorischer Positionen bezüglich des frühen Kinos der Attraktionen). Wenn man diese Schablonen dann aufs moderne Hollywood-Kino legt, ist eben ein Wieder-Zurück-Pendeln zu den Attraktionen vermehrt zu beobachten.

Ich bin mir sicher, dass es dazu noch bessere Texte gibt, ich habe mich mit dem Thema aber auch noch nicht so extrem vertiefend beschäftigt, dass ich da jetzt ganz viel aufzählen könnte. Ich bin nämlich, wie du, auch erst im 2. Semester (Filmwissenschaft), und das sind alles nur einführende Überblicks-Seminare zu Filmgeschichte, Filmanalyse und Filmtheorie, wo jedes große Thema nur mal exemplarisch angerissen wird ;-)

Aber wir hatten da halt interessante Seminardiskussionen drüber, wie z.B. irgendwelche Action-Szenen in der neuen Star-Wars-Trilogie vollständig wirken, als seien sie einem Computerspiel entnommen, bis hin zu einem eindeutigen Jump'n'Run-Aufbau. Oder völlig von narrativer Relevanz befreite sensationelle Bomben-Runterfall-Kameras in "Pearl Harbor". Usw.

Beim "klassischen" Hollywood-Kino hingegen durfte nichts von der zu erzählenden Geschichte und der Hereinnahme des Zuschauers in eine ungebrochene, vom Film konstruierte Realität ablenken, was durch sorgfältige formale Vorgaben wie den "unsichtbaren Schnitt" gesichert wurde. Ausnahmen mit "gezähmten" Attraktionen gab es natürlich, wie etwa das Musical, aber selbst die hatten sich an strenge Konventionen ihrer Genres zu halten, um Irritationen zu vermeiden.

Nun passt es ganz vorzüglich, dass du zu deinen Beobachtungen durch David-Bordwell-Texte angeregt wirst, denn Bordwell und seine Neoformalisten haben sich u.a. sehr ausgiebig mit den erzählerischen Konventionen eben des klassischen Hollywood-Kinos in Werken wie "The Classical Hollywood Cinema: Film Style and Mode of Production to 1960" ausgiebig beschäftigt ;-)

So, jetzt hab ich dir aber erstmal genug ins Blog geplappert, ich glaub, ich schweife etwas ab ;-) (Und hab leider weder "Lola rennt" mehr als nur ausschnittsweise gesehen, noch je "Max Payne" gespielt. *seufz*)
12.05.2005 00:37:39

ntropie schrieb:

Matrix Reloaded *kann* man eigentlich nur ertragen, wenn man ziellos in die coolen Szenen hineinspringt, um so die Handlung und die Dialoge (oh, die Dialoge!) nicht ertragen zu müssen :)

Stimme Christian zu, was das Pendel angeht. Geben Produzenten ja auch offen zu. (Siehe http://www.moviemaze.de/fil... "it wasn't really supposed to make sense. It was just supposed to go 'whoa'".)

Für Wechselwirkungen zwischen Spielen, Filmen, und Serien empfehle ich Anime und japanische Spiele. Die haben seit jeher alles konsequent miteinander verwurstelt, was irgendwie Geld bringt.

Derzeit sicher umfangreichstes Beispiel ist http://de.wikipedia.org/wik..., bestehend aus PS2-Spielen, TV-Serien, Mangas, Romanen und Kartenspielen, die alle ineinander greifen.
12.05.2005 00:59:15

ntropie schrieb:

Hoppla, entschuldige die Link-Sauerei. Wusste ich nicht. (Kannst du das evtl. reparieren?)
12.05.2005 01:00:24

Thomas schrieb:

"denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der einen Film, den er bislang noch nicht gesehen hat, erstmal per wahllos-reinspringen anfängt zu sehen."

Doch mich! Ich sag nur Shaolin Kicker! Manche Abschnitte schon 5x gesehen und danach immer heulend am Boden gelegen... den Film aber noch nie länger als 15min. am Stück geschaut.

Ich sollte mir Sorgen machen - aber eigentlich hättest Du dir das ja auch denken können.
12.05.2005 01:59:13

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